Der Werkbund
Der Werkbund wurde 1907 in Deutschland gegründet als eine Organisation von fortschrittlichen Produzenten, Architekten und Gestaltern, die mit der Industrie zusammenarbeiteten. Ihr Hauptziel war es, Gegenstände zu entwerfen, die zur Massenproduktion bestimmt waren, aber auch künstlerischen Wert aufwiesen. In der Zwischenkriegszeit beteiligte sich der Werkbund an den Anstrengungen zur Linderung der Wohnungsnot und stand dabei vor der schwierigen Aufgabe, ein Programm für den Bau kleiner und preiswerter Wohnungen für die breite Bevölkerung zu entwickeln. Durch dieses Programm sollte die Nachfrage an Wohnraum in allen vom Krieg in Mitleidenschaft gezogenen Ländern schnell befriedigt werden können. Überall in Europa wurden Vorschläge für Siedlungen mit preiswerten Wohnungen konzipiert, in Deutschland waren diese Bemühungen jedoch am intensivsten. Es wurde an einer neuen Gestaltung des Wohnraums und an einer besseren Nutzung der Wohnfläche gearbeitet, wobei man gleichzeitig die Verringerung der Baukosten pro Wohnung anstrebte. Am einfachsten ließ sich dieses Ziel durch eine Minimierung der Wohnfläche erreichen.

Die neuen Regeln der zeitgenössischen Wohnarchitektur wurden gerade durch den Deutschen Werkbund entscheidend bestimmt. Hermann Muthesius, einer der Gründer der Organisation, postulierte als Programm einer modernen Architekturkunst: „Mehr Inhalt und weniger Kunst“..

Das Bauhaus
Die neuen Anforderungen, die an einen Gestalter gestellt wurden, führten zur Notwendigkeit einer Ausbildungsreform. 1919 gründete Walter Gropius die Bauhaus-Schule mit Sitz in Weimar, später in Dessau und Berlin. Ziel dieser Schule war es, eine moderne Ausbildung für eine neue Generation von Gestaltern anzubieten. Sie sollten unter anderem in der Lage sein, die Probleme anzugehen, die sich beim Bau von hygienischen und rationellen Wohnungen stellten. Walter Gropius schrieb 1923 über die Theorie und die Organisationsregeln des Bauhauses: „Während der letzten Generationen ist die Architektur (…) dekorativ geworden (…). In ihrer Dekoration (…) verlor sie den Zusammenhang mit neuen Techniken und Materialien (…). Wir möchten eine klare organische Architektur schaffen (…). Wir wollen eine Architektur, die an unsere neue Welt der Maschinen, des Radios, der schnellen Autos angepasst ist – eine Architektur mit einem transparenten und funktionellen Verhältnis der Formen“.

Der Ring. Zur Jahreswende 1923/24 wurde in Berlin im Büro Mies van der Rohes der „Zehner-Ring“ gegründet, der im Jahre 1926, nachdem neue Mitglieder dazugestossen waren, in „Der Ring“ umbenannt wurde. Dieser Vereinigung gehörte damals die gesamte deutsche Elite der fortschrittlichen Architekten an, unter anderem Hans Scharoun und Adolf Rading. Die Mitglieder dieser Gruppe postulierten neue Regeln für die moderne Architektur, die sich gegen Traditionalismus, Historismus und Eklektizismus richteten, also unter anderem gegen das Ausschmücken von Gebäuden mit den charakteristischen Formen historischer Stile.

CIAM
Zu einem prominenten Forum für den Meinungsaustausch zwischen den avantgardistischen Architekten Europas wurde die Organisation CIAM (Les Congrès Internationaux d’Architecture Moderne), gegründet 1928 auf Schloss La Sarraz in der Schweiz. Die Mitglieder dieser Organisation trafen sich in regelmäßigen Abständen zu Kongressen, auf denen zentrale Fragestellungen der modernen Architektur und Stadtplanung thematisiert wurden.Für die Entwicklung des Konzepts der modernen Wohnung hatte der 2. Kongress in Frankfurt am Main (1929) große Bedeutung – er wurde begleitet von der Ausstellung „Die Wohnung für das Existenzminimum”. In dieser Ausstellung wurden Pläne von Kleinwohnungen aus Wohnsiedlungen verschiedener europäischer Länder präsentiert, darunter war auch die Breslauer Siedlung „Klein Tschansch“ (heute: Księże Małe). Rationelle Bebauungsweisen“ waren das Thema des 3. CIAM-Kongresses in Brüssel, der sich unter anderem mit der optimalen Höhe von Wohngebäuden in Städten auseinandersetzte.


Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften
Vor dem Ersten Weltkrieg kümmerte sich kaum jemand um Wohnungen für die breite Bevölkerung. Zu jener Zeit stellte sowohl der Mangel an Wohnungen als auch deren mangelhafte Qualität ein wesentliches Problem dar. Der Andrang der Menschen aus den von Deutschland im 1. Weltkrieg verlorenen Gebieten verstärkte dieses Problem noch zusätzlich. Im Jahre 1925 fehlten in Deutschland mehr als 900000 Wohnungen. Ab dem Jahr 1924 bekam die deutsche Wirtschaft Unterstützung durch ausländisches Kapital – es begannen die „Goldenen Zwanziger Jahre“. Nach dem Ersten Weltkrieg waren zudem viele Städte sozialdemokratisch regiert, was es wiederum ermöglichte, Projekte für Arbeiterwohnungsbau in großem Maßstab umzusetzen.Die Novellierung der Bauordnung beugte einer weiteren Vermehrung der sogenannten „Mietskasernen“ vor (der hohen, engen Gebäude mit schlecht beleuchteten, ungesunden Wohnungen, charakteristisch für europäische Großstädte des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts) und führte u.a. das Verbot ein, Keller als Wohnraum zu vermieten. Zusätzlich definierte die neue Bauordnung Standards für Wohnfläche, Qualität der Sanitäranlagen, Belüftung und Besonnung, und sie schützte die Mieter vor überhöhten Mieten. Das Ziel der Bauordnung – die Verbesserung der Wohnbedingungen in den Städten –gab gleichzeitig Impulse zum Bau neuer Siedlungskomplexe

Zu dieser Zeit entstanden gemeinnützige Organisationen, Gesellschaften und Genossenschaften, die sich dem Bau von rationellen Wohnsiedlungen widmeten, unterstützt von den städtischen Selbstverwaltungsorganen und den Regierungen der jeweiligen Länder. Zwei Städte spielten dabei eine führende Rolle, denn dort fanden die Vorschläge sozial engagierter Architekten die Akzeptanz fortschrittlich eingestellter Stadtverwaltungen (unter Martin Wagner – Stadtbaurat in Berlin und unter Ernst May – Stadtbaurat in Frankfurt am Main).

Die RFG
Im Jahre 1926 wurde in Deutschland die „Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen“ (RFG) ins Leben gerufen, deren Ziel es war, Studien und Untersuchungen zur Optimierung des Wohnraums durchzuführen. Zu dieser Zeit herrschte die Meinung vor, dass es notwendig sei, sich bei der Gestaltung von rationellen Wohnungen an strikt wissenschaftliche Methoden zu halten – was bedeutete, dass man versuchte, anhand von Überlegungen zu biologischen, psychologischen und soziologischen Bedürfnissen die notwendigen und ausreichenden Wohnraumminima für Familien unterschiedlicher Größe festzulegen. Zu den Mitgliedern der RFG zählten die prominentesten Architekten der damaligen Zeit, die sich bemühten, in ihren Projekten und Realisierungen die Richtlinien dieser Gesellschaft umzusetzen. Die RFG beschäftigte sich nicht nur mit der Innenaufteilung der Wohnungen, mit dem Flächenbedarf der verschiedenen Räume oder mit neuen Materialien und Technologien, die zur Verringerung der Baukosten führen sollten, sondern auch mit der Orientierung der Gebäude zu den Himmelsrichtungen, um eine rationelle Besonnung der Wohnräume und damit gesunde Wohnbedingungen sicherzustellen.

Ausgehend von den durch die RFG durchgeführten Studien wurden optimale Wohnungsgrößen in Relation zur Anzahl der Familienmitglieder festgelegt: 45m2, 57m2, 70m2 . In experimentellen Wohnsiedlungen führte man Studien zur Frage durch, welche Grundrißtypen für eine bestimmte Wohnfläche am besten geeignet waren, und untersuchte ihre Funktionsqualität. In den Mustersiedlungen des Werkbunds

Die Tätigkeit der RFG hatte ebenfalls Einfluss auf die Gestaltung vieler deutscher Wohnsiedlungen, die nicht direkt unter Aufsicht der RFG erstellt wurden. Oft wurden sie von Architekten konzipiert, die die RFG-Richtlinien für richtig befanden, selbst Mitglieder der Forschungsorganisation waren oder sich aus anderen Gründen verpflichtet fühlten, das Programm der RFG umzusetzen. Ein Beispiel dafür ist die Breslauer Wohnsiedlung „Klein Tschansch“ (heute: Księże Małe), die unter anderem von Gustav Wolf (Mitglied der RFG) entworfen wurde. Dieser formulierte präzise Bedingungen, denen eine rationelle Wohnung genügen sollte: „Für jede Person ein eigenes Bett, für jede Familie ein eigenes Badezimmer, Verkleinerung der Haushaltsräume und der Schlafbereiche nur zugunsten eines Wohnungszentrums.” Dieses Zentrum der Wohnung bildete ein gemeinsamer Raum aus Wohnzimmer und Küche – eine völlig neue Herangehensweise bei der Grundrißgestaltung einer Wohnung. Das mit der Küche verbundene Wohnzimmer – ein „Laboratorium“ oder die sogenannte Wohnküche – war der Ort für das Beisammensein der Familie an einem Tisch und der einzige Treffpunkt in den kleinen Wohnungen.

Die Breslauer Künstlerschulen
Eine wichtige Rolle in der Ausbildung der jungen Generation Breslauer Architekten, die vor den Problemen der enormen Wohnungskrise der zwanziger Jahre standen, spielten die Künstlerschulen der Stadt: die im Jahre 1900 gegründete Städtische Handwerker- und Kunstgewerbe-Schule sowie die Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe, die im Jahre 1903 von Hans Poelzig übernommen worden war, womit ihr „goldenes Zeitalter“ begann. Im Umfeld der Kunstakademie sammelte sich die Breslauer Architekturavantgarde der Vorkriegszeit. Zur Entstehungszeit der WuWA-Siedlung hatten Hans Scharoun und Adolf Rading ihre Architekturklassen an der Akademie. Die Architekten Moritz Hadda, Emil Lange und Heinrich Lauterbach zählten zu den Schülern von Hans Poelzig. Die Architekturausbildung an der Hochschule war zu dieser Zeit äußerst fortschrittlich – sie hatte große Ähnlichkeit mit dem, was auch am Bauhaus gelehrt wurde. Hartmut Frank prägte dafür die Bezeichnung „Bauhaus vor dem Bauhaus“, womit er darauf anspielt, daß die Reform der Ausbildung in Breslau bereits vor dem ersten Weltkrieg auf den Weg gebracht worden war.