Mackow
Das Gebäude Nummer 2 – der ehemalige Kindergarten

Das Gebäude Nummer 2 – der ehemalige Kindergarten – ist seit dem Jahr 2006 verschwunden. Der einstöckige Holzbau brannte ab, kurz nachdem die Gemeinde ihn einer Privatperson überlassen hatte. Die Landschaft der WuWA verlor damit ein wichtiges Siedlungselement – ein inmitten der Wohnbebauung gelegenes öffentliches Gebäude.
Der geräumige, helle und hygienische Kindergarten sollte – nach Absicht der Autoren der WuWA-Ausstellung von 1929 – von der Modernität des gesamten Ensembles zeugen und einen damals völlig neuartigen gesellschaftlichen Bedarf befriedigen. Das hervorragend konzipierte Gebäude zeigte nicht nur eine neue Bauweise, sondern verwirklichte auch das Raumkonzept der bis heute aktuellen Pädagogik Maria Montessoris. Das Gebäude bestand aus einem zentralen länglichen Spielsaal mit Vorraum für die wartenden Eltern, der von beiden Seiten von einer Reihe niedrigerer Räume für Einzelgruppen, einer Küche, den Waschräumen usw. flankiert wurde. In den zentralen Bereich fiel das Licht durch ein Oberlicht und durch die Fenster in den Giebelwänden. Das Gebäude war mit Holz verkleidet und aus hölzernen Systemelementen konstruiert.
Nachdem das Grundstück des abgebrannten Kindergartengebäudes wieder in den Besitz der Gemeinde Wrocław übergegangen war, übertrug die Stadtverwaltung das Gelände im Jahr 2011 an die Niederschlesische Architektenkammer mit der Auflage, den Kindergarten wiederaufzubauen.
Die Architekten hatten bereits seit geraumer Zeit nach einem Sitz für ihre Kammer gesucht und nahmen diese Herausforderung gerne an. Die Verwaltung der Wojewodschaft gewährte einen Zuschuss in Höhe von ca. 1/3 der Wiederaufbaukosten aus einem EU-Programm, der größte Teil der finanziellen Mittel stammt jedoch aus den Mitgliedsbeiträgen der Niederschlesischen Architektenkammer. Die Kammer wird das wiederaufgebaute Gebäude jedoch nicht nur für ihre eigene Zwecke nutzen – dort wird darüber hinaus auch eine WuWA-Dauerausstellung untergebracht sein, und vor dem Bau soll ein originalgetreuer Nachbau des einstigen Gartens einschließlich der Sandkästen und Beete entstehen.
Zbigniew Maćków ist Vorsitzender der Niederschlesischen Architektenkammer und einer der Architekten, die am Wiederaufbau des Kindergartens beteiligt waren.

Grażyna Hryncewicz-Lamber: Worauf beruht die städtebauliche Sanierung im Falle des WuWA-Kindergartens?
ZM: Allgemein verständlich und akzeptiert ist die architektonische Sanierung, bei der fehlende Gebäudefragmente ganz einfach in ihrer Originalform und -gestalt restauriert werden. Selbstverständlich wird dabei die uralte Diskussion geführt, ob Eingriffe dieser Art gekennzeichnet werden sollen und ob die neuen, nicht originalgetreuen Elemente deutlich als Spur markiert werden sollten. Hierbei gibt es zwei Schulen, aber ich halte die Diskussion darüber, welche besser ist, für sinnlos: jeder bekennt sich zu einer der beiden Schulen, ähnlich wie bei den Religionen.
Was die städtebauliche Sanierung betrifft, kann man eine Analogie zur architektonischen Sanierung ziehen. Bei der Sanierung eines neugotischen Bauwerks vervollständigen wir zum Beispiel fehlende Ziegelsteine in einem Torbogen. Hat man es statt mit einem einzelnen Gebäude mit einem ganzen städtebaulichen Ensemble zu tun, so wie in diesem Fall – mit einer aus achtundzwanzig Objekten bestehenden Ausstellung, bei der ein oder zwei Bauten fehlen, weil sie mit der Zeit „abgebröckelt“ sind, ähnlich wie Ziegelsteine im Bogen eines Portals, dann denke ich, dass man die Bauten wiederherstellen und ergänzen sollte.
Selbstverständlich kann man dabei heiße Diskussionen führen, ob man die Gebäude so wiederaufbauen sollte, dass jedem klar ist, dass es sich um Neubauten handelt, oder ob man den Eindruck schaffen sollte, dass diese Gebäude schon immer an ihrem Platz standen. Aber das ist ein ganz anderes Thema. Die Notwendigkeit zur Vervollständigung des Stadtbilds besteht dann, wenn das fehlende Objekt ein kleiner Teil eines größeren Ganzen ist. Das ist meiner Meinung nach der einzige Fall, der den Wiederaufbau eines Gebäudes rechtfertigt. Hätten wir es mit einem einzelnen historischen Kindergartengebäude z.B. in der ul. Wróblewskiego, ul. Olszewskiego oder irgendwo anders in der Gegend zu tun, das nicht Teil eines größeren Ganzen wäre, dann würde ich die Ansicht vertreten, dass ein Wiederaufbau aus Sicht der Philosophie des Städtebaus ein Missverständnis darstellen würde.
Bei der Stadtsanierung sollte man darauf verzichten, einzelne, von der Geschichte verschluckte Gebäude wiederaufzubauen, das ist meine persönliche Meinung. Aber hier sieht die Sache anders aus: das Kindergartengebäude ist Teil einer Ausstellung, die aus achtundzwanzig Objekten – Bauklötzen – bestand, und ich denke, dass wir das Recht dazu haben, diesen einen Bauklotz zu rekonstruieren, um weiterhin von der WuWA als Ganzheit sprechen zu können.

GHL: Die Idee der Ausstellung war u.a., verschiedene Bautechniken zu präsentieren. Wurde der Kindergartenbau unter Verwendung ähnlicher Techniken wiederaufgebaut, wie er damals gebaut wurde?
ZM: Ja und nein. Ich bin der Meinung, dass mehrere Ziele zu erfüllen waren. Das erste Ziel in Bezug auf die eingesetzten Bautechniken war, Effizienz und Möglichkeiten der Holzskelettbauweise zu zeigen: kurze Bauzeit, Unabhängigkeit von den Witterungsbedingungen. Ein weiterer Aspekt der Holzskelettbauweise ist die Möglichkeit, gewisse Höhen und Umfänge zu erreichen, d.h. Proportionen im Innenraum. Dies wiederum beeinflusste die Realisierung der praktischen Ziele. Es war zum Beispiel möglich, einen Spiel- und Schlafsaal für die Kinder mit schmalen, nur wenig Platz einnehmenden Bauteilen zu konstruieren. Ohne massive Wände und Säulen, nur mit schmalen Holzpfosten.

GHL: Ich finde, dass es bis heute ein faszinierendes Objekt mit einem praktischem Grundriss ist.
ZM: Genau. Als wir über den Wiederaufbau entschieden haben, sind wir genau zur selben Schlussfolgerung gekommen. Dieses Gebäude eignet sich wie kaum ein anderes für ein zweites Leben – und zwar ohne große Veränderungen. Die neue Funktion passt zu 98% in die ehemalige Hülle des Kindergartens, obwohl sie anders ist. Das einzige, was sich ändert, sind die Toiletten – die gesetzlichen Bestimmungen haben sich verändert und wir haben es mit einer anderen Zielgruppe zu tun; es gibt auch keinen Waschraum mehr im Gebäude. Aber das macht nur einen Bruchteil des Raumprogramms des Kindergartens aus. Was die Aufteilung der einzelnen Funktionsblöcke betrifft, bleiben sogar die Toiletten an dem Ort, an dem sie immer waren. Nur die Aufteilung der Wände im Inneren hat sich etwas verändert.
Um noch einmal auf die Bautechniken zu sprechen zu kommen: auf die Frage, ob wir die damaligen Techniken hier einsetzen, habe ich mit „ja und nein“ geantwortet, weil wir nicht das Doecker-System der Firma Christoph & Unmack A.G. verwenden, obwohl wir das Unternehmen kontaktiert haben. Dieses System wird nicht mehr hergestellt, aber wenn wir darauf bestehen würden, könnten sie es rekonstruieren. Wir sind aber zu dem Schluss gekommen, dass das nicht nötig ist, weil die Gebäudestruktur ohnehin verdeckt und unsichtbar ist. Die genaue Rekonstruktion wäre also brotlose Kunst. Es ist nicht nötig, dass wir uns heutzutage vor Augen führen, welche Möglichkeiten die Holzskelettbauweise bietet, weil wir 80 Jahre später einige Schritte weiter sind, was die Bautechnologie betrifft. Wir müssen nicht beweisen, wie schnell man mit dieser Technologie bauen kann, weil wir das bereits wissen. Wir haben allerdings deshalb mit Holz gearbeitet, um dieselben Proportionen im Innenbereich, dieselben Höhen, Umfänge, dezenten Formen, dünnen Wände, etc. zu erzielen: um eben genau denselben Raum zu schaffen wie im Jahr 1929.

GHL: Gab es Probleme bei der Planung? Es gibt zum Beispiel immer Probleme mit der Farbgebung…
ZM: Mit der Farbgebung hatten wir ein Problem, weil wir darüber nichts wussten. Wir trafen uns mehrere Male in einem Team hochklassiger Architekten: der Leiterin des Amts für Denkmalpflege, die Autorin der wissenschaftlichen Monographie über die Siedlung, Jadwiga Urbanik, Andrzej Kamiński – der Fachmann von der Denkmalschutzbehörde, der Architekt Andrzej Poniewierka, der Stadtarchitekt Piotr Fokczyński und die Bauplaner des Wiederaufbauprojekts – Bartłomiej Witwicki und ich. In dieser Runde haben wir über die Farben der Fassade und der einzelnen Elemente diskutiert.
Das war ein bisschen wie Detektivarbeit, wir fanden keinerlei Materialien, die uns direkt Aufschluss über die Farben hätten geben können. Wir hatten ein paar Schwarzweißbilder, die wir in maximaler Vergrößerung auf 1 x 1 Meter ausgedruckt haben. Wir analysierten Bilder, die bei unterschiedlicher Beleuchtung gemacht wurden – glücklicherweise wurde das Objekt sowohl im Licht als auch im Schatten liegend fotografiert. Auf Grundlage der Fotos, auf denen die Fassade im Schatten liegt, kann man zu dem Schluss kommen, dass das Gebäude komplett mit derselben Farbe gestrichen war, ohne verschiedene Farbtöne oder einzelne andersfarbige Details.
Auf den voll beleuchteten Bildern hingegen sieht man deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Elementen. Wir kamen also zu dem Schluss, dass die Fensterrahmen in reinem Weiß gestrichen waren, dass alle waagerechten Konstruktionselemente (wie die Dachtraufen, die gleichzeitig die Simse des Gebäudes waren) sowie alle Pfosten ebenfalls weiß waren, die Fassade selbst allerdings einen Farbton dunkler gestrichen war. Sie war nicht weiß. Besonders auf gut beleuchteten Fotos sieht man deutlich, dass zwischen dem Weiß dieser Elemente und dem Hintergrund Kontraste vorhanden waren.
Wir hatten ein Problem – denn als wir in den Unterlagen nach dem Zulieferer suchten, der Firma Christoph & Unmack, stellte sich heraus, dass diese Systeme in Grün und Bordeaux produziert wurden. Bordeaux kam nicht in Frage, das Gebäude hatte zweifellos eine sehr helle Farbe. Wir überlegten also, ob es ein sehr helles Erbsengrün gewesen sein konnte.
Wir baten also Frau Dr. Jadwiga Urbanik um ihre Einschätzung, welche Farbwahl am logischsten wäre. Wir erstellten vier große Farbproben mit einer Fläche von je einem Quadratmeter, nachdem die Farbe der Fenster bereits feststand. Wir saßen zu sechst auf der Baustelle, hielten die großen Platten mit den Farbproben an die Mauer und versuchten, die zur Farbe der Fenster und zu der von Nachkriegsfotografien bekannten Farbe des Sockels und der Klinkerterrasse passende Lösung zu finden. Am Ende entschieden wir uns nach einigen mehrstündigen Diskussionen durch Deduktion für die am besten passende Schattierung – ein Weiß, gebrochen durch zwei Tropfen schwarzer Farbe und ein wenig Grün.
Am letzten Tag der Entscheidungsfindung passierte etwas Lustiges. Wir feilten seit mehreren Stunden und, soweit ich mich erinnere, bereits den dritten Tag hintereinander an einer Lösung, als Andrzej Poniewierka seine siebenjährige Enkelin mit auf die Baustelle brachte. Nach ihrer Meinung gefragt, zeigte sie ohne Nachzudenken auf die Farbe, deren Auswahl sechs studierte Architekten mehrere Tage gekostet hatte.

GHL: Ich fände es interessant zu wissen, ob hier in der Gegend kein Zeitzeuge zu finden wäre? Im Laubenganghaus in der ul. Tramwajowa leben seit den fünfziger Jahren dieselben Leute…
ZM: Auf die Idee bin ich nicht gekommen, aber man kann die Fassade ja jederzeit neu streichen, wenn wir neue Angaben zur Farbgebung bekommen.

GHL: Wie wird das Gelände rund um den Kindergartenbau gestaltet werden? Auf dem WuWA-Gelände konnte man im Jahr 1929 nach Belieben herumspazieren. Wird das Gebäude allgemein zugänglich sein?
ZM: Wir möchten in diesem Objekt zur Idee der Offenheit zurückkehren. Der ehemalige Kindergarten war ein öffentliches Gebäude, also wird dieses auch zugänglich sein – ohne Zaun. Die Gestaltung des umliegenden Geländes wird komplett 1:1 restauriert, einschließlich der Beete und des Sandkastens, des großen Platzes und der Bänke. Das Gebäude wird zugänglich gemacht, mit einem Eingangsbereich und einem Informationspunkt usw. Diesbezüglich richten wir uns nach dem Siegerentwurf des Wettbewerbs zur Gestaltung der öffentlichen Flächen in der Siedlung.

GHL: Wie wird das Objekt in Bezug auf die WuWA als Ganzes funktionieren? Verstehe ich richtig, dass der Ausstellungsbereich im Grunde genommen für junge Architekten gedacht ist? Ist es auch vorgesehen, Touristen in dem Gebäude zu empfangen und über die WuWA zu informieren? Etwas derartiges gibt es bisher nicht.
ZM: Das wollen wir von Beginn an machen. Wir möchten dieses Objekt zu einer Art Aushängeschild der WuWA machen, zu einer Sehenswürdigkeit, zu einer fachlich spezialisierten Nischenattraktion. Wir möchten, dass insbesondere der vordere Bereich des Gebäudes für Besuchergruppen offen steht und auch von innen besichtigt werden kann. Dafür rekonstruieren wir eigens zwei Schaukästen im Eingangsbereich, in denen verschiedene Objekte im Rahmen einer Dauerausstellung über die WuWA ausgestellt werden: Bücher, Souvenirs. Wir hätten gerne auf Dauer einen Verwalter oder Kurator für das gesamte Objekt, wir würden den Raum dann für Ausstellungszwecke zur Verfügung stellen: Schaukästen und Wände mit Ausstellungspanels und eine große Halle, in der ein Modell aufgestellt werden könnte. Zumindest momentan, so lange es noch kein visuelles Informationssystem gibt, stelle ich mir vor, dass Besuchergruppen in unserem Gebäude auf die Besichtigung der WuWA vorbereitet werden könnten, daß sie die Toiletten und Getränkeautomaten benutzen und sich im Warmen und unter einem Dach mit der Geschichte der WuWA vertraut machen. Wenn sich ein solcher fachlich spezialisierter Tourismus weiterentwickelt, könnte ich mir auch vorstellen, dass wir unseren Seminarraum für Vorlesungen oder Filmvorführungen und unsere Terrasse mit Liegestühlen zur Entspannung zur Verfügung stellen könnten. In dem ganzen Gebäude benötigen wir im Alltag lediglich einige Büroräume, alles andere soll der WuWA als Flaggschiff zur Verfügung stehen. Der zweite Bestimmungszweck des Objekts ist, hier das Leben der Gemeinschaft der Architekten anzusiedeln. Ich hätte gerne, dass damit auf dem Stadtplan eine weitere Adresse wie der Verband der Polnischen Architekten (SARP) und das Architekturmuseum oder das Museum für Zeitgenössische Kunst in Wrocław entsteht. Hier werden dauerhaft verfügbare Ausstellungsräume für junge Architekten, ein Versammlungs- und Schulungsraum und vielleicht auch ein Architekturkino mit 1–2 Vorstellungen pro Woche entstehen. Dabei möchten wir keine Konkurrenz für das Architekturmuseum schaffen, sondern das vielseitige Angebot in diesem Bereich um einen eher informellen Raum erweitern, einen Ort zur Integration des Milieus, einen Platz für Begegnungen „vor der wunderschönen Kulisse der Natur“.