Tramwajowa
Gespräche mit Bewohnern des Laubenganghauses ul. Tramwajowa 2

Das Laubenganghaus ul. Tramwajowa 2 wirkt auf den ersten Blick wie ein typischer bescheidener Bau aus der Regierungszeit von Władysław Gomułka in den 1960er Jahren. In Wirklichkeit handelt es sich jedoch um eines der experimentellen Bauwerke der WuWA-Siedlung. Angesichts der Tatsache, dass seine Bewohner in keiner Weise an einen Umzug denken, kann man sagen, dass das Experiment mehr als gelungen ist.
In den Interviews erzählen die Bewohner des Hauses an der ul. Tramwajowa über ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und über eine glückliche Kindheit auf den Laubengängen, wo sie als Kinder Fahrrad fahren lernten und Fußballspiele austrugen. Die Laubengänge werden aus nachvollziehbaren Gründen meist als Balkone bezeichnet und in den Berichten häufig erwähnt. Alle kennen sich hier, es ist wie in einem kleinen Dorf, und es gibt hier noch die funktionierenden nachbarschaftlichen Netzwerke, die sonst heutzutage selten geworden sind.
Das Haus gehört einer Eigentümergemeinschaft, wobei der größere Teil der Anteile auf Privatpersonen entfällt und ein kleinerer Teil der Gemeinde Wrocław gehört. Nach langen Diskussionen trat die Eigentümergemeinschaft dem Förderprogramm der städtischen Denkmalschutzbehörde bei, obwohl ein Teil der Renovierungsarbeiten bereits schon vorher ausgeführt worden war.
Über die Geschichte und den technischen Zustand des Gebäudes sprachen wir mit dem Hausverwalter Sylwester Szkudlarek und mit Bewohnern, die wir im Gebäude trafen: Frau Katarzyna Brycha, Herrn Edward Łyszczarz und Frau Jagoda Lotz.

Grażyna Hryncewicz-Lamber: Bitte erzählen Sie etwas über den allgemeinen technischen Zustand des Gebäudes.
Sylwester Szkudlarek: Nach dem Krieg wurde das Gebäude zu Wohnzwecken freigegeben, obwohl es von seinem Zustand her dafür noch nicht geeignet war. Im Krieg wurde das Kesselhaus am Straßenbahndepot beschädigt, das die Wärme für die Zentralheizung lieferte. Nach dem Krieg stellten die Bewohner in den Wohnungen kleine Holzöfen auf, wodurch das Gebäude stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Während der Kampfhandlungen wurden einige Wohnungen zerstört – von Projektilen durchschossen – und anschließend notdürftig hergerichtet. Direkt nach dem Krieg gab es so gut wie keine baulichen Sicherheitsvorschriften. Man installierte also Heizungen, wie es gerade ging. Gasleitungen wurden eingebaut, obwohl es im Gebäude keinerlei Lüftungsvorrichtungen gab. Im Jahr 1929 hatte der Architekt wohl angenommen, das Öffnen der Fenster würde zur Lüftung des Hauses ausreichen. Heutzutage ist das unzulässig, und die Bewohner stört es sehr, dass es keine Abluftvorrichtung gibt.

GHL: Noch einmal zur Geschichte – in den vierziger Jahren waren die Wohnungen trotz des schlechten Gebäudezustands bewohnt?
SS: Ja, die Leute richteten sich so ein, wie sie konnten. Die Wohnungen behielten ihren ursprünglichen Charakter, bis heute findet man in einigen von ihnen die Original-Korkfußböden, aber einige Bewohner tauschten mit der Zeit Türen, Fenster und Böden aus.

GHL: Bitte erzählen Sie etwas darüber, wie im Gebäude renoviert wurde. Sie sind ja schon seit einigen Jahren hier als Hausverwalter tätig?
SS: Früher wurde das Haus von einem anderen Verwalter geführt, der keine größeren Arbeiten durchgeführt hat. Der Aussenanstrich ist noch aus den sechziger Jahren. Die Bewohner erzählen, die ursprüngliche Farbe sei Grau gewesen. Das Dach wurde teilweise renoviert. Die Kamine der ehemaligen Waschküche im Erdgeschoss wurden auf dem Dach verschlossen, weil sie stillgelegt waren. Auf dem Dach selbst wurde Pappe verlegt, um die undichten Stellen zu schließen. Man hat also ein wenig renoviert und bei dieser Gelegenheit auch ein wenig Schaden angerichtet.
Es wurde einiges falsch gemacht, zum Beispiel wurde der Charakter des Dachs ruiniert. Das Dach ist flach, aber es hatte eine hübsche Dachtraufe aus Beton mit einer versteckten Betonrinne im Inneren. Bei der Renovierung hat man rundherum Dachrinnen angebracht, die das Haus verschandeln. Ursprünglich verliefen die Regenfallrohre und die Wasserabläufe der Laubengänge an der Fassade entlang. Das Gebäude besteht aus zwei spiegelbildlichen Teilen, mit einer Dehnungsfuge in der Mitte über dem Eingang. Auch die Installationen sind symmetrisch, und links unter der Treppe liegt der Schacht für die Elektrik. Die komplette Elektrik wurde vor drei Jahren ausgetauscht.

GHL: Wurde die Tragfähigkeit und der technische Zustand der Konstruktion einmal geprüft?
SS: Das war nicht notwendig. Aus den erhaltenen Bauplänen geht hervor, dass das Gebäude aus Stahlbeton in Skelettbauweise errichtet wurde, ausgefacht mit Blöcken aus Schlackenbeton. Die Innenseiten der Wände waren Korkplatten gedämmt.

GHL: Ist diese Isolierung aus Kork noch erhalten?
SS: Teilweise. In den Wohnungen, in denen keine Grundsanierung durchgeführt wurde, gibt es sie noch. Das Gebäude ist nicht warm. Aus heutiger Sicht müsste es zusätzlich gedämmt werden. In den sechziger Jahren wurde im Studentenwohnheim „Pancernik“ ein gemeinsames Heizwerk für die umliegenden Gebäude eingerichtet, und das Haus war an diese Heizung angeschlossen. Aber die Leitungen waren schlecht isoliert, im Winter gab es kein warmes Wasser und auf der Wiese sah man einen achtzig Meter langen warmen Streifen. Wenn man sich waschen wollte, musste man bis zu zwanzig Minuten lang das Wasser laufen lassen, bevor es warm genug wurde. Der Verbrauch war immens! Vor drei Jahren konnten wir uns mit FORTUM darauf einigen, dass das Haus einen eigenen Fernwärmeanschluss bekommt – von der Hochdruckleitung aus, die durch das Haus verläuft. Die Übergabestation wurde im ehemaligen Trockenraum im Erdgeschoss installiert. Im ersten Jahr konnten wir über 30% einsparen.

GHL: Sie sagten, das Gebäude sei kalt – gab es Probleme mit Feuchtigkeit?
SS: Die Wand an der Nordseite ist feucht, es gab Risse und die Wand wurde undicht. Die Feuchtigkeit zieht nach innen – es kam zu Schimmelbildung im ersten Stock. Wenn in diesem Haus eine Wand reißt, bildet sich ein Spalt quer durch die ganze Dicke der Wand.

GHL: Wie dick sind die Außenmauern?
SS: Die Wände sind nicht dick – maximal 30 cm. Deshalb ist die Gemeinschaft überzeugt, dass gedämmt werden MUSS. Da es sich um ein Baudenkmal handelt, kommt eine Außendämmung nicht in Frage, aber wir erwägen eine zusätzliche Innendämmung, um die Durchfeuchtung der Wände zu verhindern – mit zwei Zentimeter starken Platten, die speziell für die Verwendung in historischen Bauwerken gedacht sind.
Das Gebäude stünde anders da, wenn es nicht ein typisches Wohnhaus, sondern ein Hotel oder ein Studentenwohnheim wäre. Dann gäbe es nicht so viel Feuchtigkeit, es würde nicht so viel gewaschen und gekocht und die Mauern würden ganz anders arbeiten. Aber wir müssen das Haus so nehmen, wie es ist, und die Verhältnisse verbessern, so gut es geht.

GHL: Was für Menschen wohnen hier? Ich habe gehört, das viele Familien bereits seit kurz nach dem Krieg hier leben. Haben einige Parteien Wohnungen dazu gekauft und miteinander verbunden?
SS: Einige Familien erinnern sich noch an die Nachkriegszeit, aber es leben auch jüngere Leute hier. Manche haben ihre Wohnungen verkauft und sind weggezogen. Ein Mann hat mit der Zeit die Wohnung seines Nachbarn und noch eine weitere gekauft und besitzt jetzt insgesamt sogar drei Wohnungen. Als wir in das Förderprogramm des städtischen Denkmalschutzamts aufgenommen wurden und ein Gespräch mit der Leiterin führten, gab es einige Aufregung über die Kosten der Renovierung. Aber gleichzeitig wurden die Pläne zur Sanierung der Umgebung immer konkreter – alle wissen, dass das Umfeld attraktiver und das ehemalige Ausstellungsgelände schöner wird. Ich habe damals gefragt, ob jemand seine Wohnung verkaufen wollte. Es gab nicht einen einzigen. Alle freuten sich darauf, dass es schöner wird. Die Leute glauben auch, dass ich als Hausverwalter die Kosten im Griff habe. In den letzten Jahren haben wir die Heizungsinstallation so umgebaut, dass niemand finanzielle Nachteile hatte.

GHL:Ich habe gehört, dass Sie im Rahmen des Förderprogramms des städtischen Denkmalschutzamts Zuschüsse für die Renovierung der Fassade beantragen wollten. Daraus ist nichts geworden?
SS: Anfänglich wurde eine Außendämmung für das Gebäude geplant – diese Variante hat das Denkmalschutzamt abgelehnt. Vor kurzem haben einen neuen Plan in Auftrag gegeben – bereits unter Mitwirkung des Denkmalschutzbeauftragten. Wenn wir Zuschüsse beantragen, muss die Sanierung den Erwartungen des Denkmalschutzamts entsprechen. Ich hoffe, dass wir mit diesem Antrag Erfolg haben.

Katarzyna Brycha, Wohnung Nr. 16

GHL: Sind Sie hier geboren?
KB: Ja, hier in der ul. Tramwajowa, hier im Haus.

GHL: Wie wohnt es sich hier? Was gefällt Ihnen als Bewohnerin der WUWA und was nicht?
KB: Vieles gefällt mir nicht. Es ist höchste Zeit, dass die Siedlung renoviert wird.

GHL: Hat Ihr Haus viele Mängel?
KB: Es gibt keine Lüftung. Das Treppenhaus ist nicht renoviert. Der größte Nachteil ist, dass sich niemand um den Bereich rund ums Haus kümmert, es ist dreckig.

GHL: Waren Sie bei den Gesprächen über die Renovierungsarbeiten mit dem städtischen Denkmalschutzbeauftragten dabei?
KB: Ja, ich war bei dem Treffen mit dem Hausverwalter und der Denkmalschutzbeauftragten. Ich glaube, dass sich hier tatsächlich etwas tun wird – im Moment sieht es grässlich aus. Die Bewohner kümmern sich um gar nichts. Im Laubengang hängt ständig Wäsche, wie in einem Mutter-Kind-Heim…

GHL: Die Bewohner wechseln… gibt es Wohnungen, die an Studenten vermietet sind?
KB: In der Vergangenheit nicht – momentan sind zwei Wohnungen an Studenten vermietet, aber über die können wir uns nicht beklagen. Wir fühlen uns höchstens zur Zeit des Studentenfests „Juwenalia“ etwas gestört. Die Bewohner selbst sind andere als früher. Die Älteren sterben nach und nach und jüngere Leute erben die Wohnungen ihrer Großeltern und Eltern. Früher lebten viel mehr Leute hier, heute wohnen viele alleinstehende Menschen im Haus, wie ich seit dem Tod meines Mannes. Meine Tochter hat ein eigenes Haus gebaut und will noch nicht einmal zu Besuch kommen. Sie sagt, das Haus sähe aus wie ein Asylbewerberheim.

GHL: Aber die Größe der Wohnung ist doch für eine alleinstehende Person geeignet?
KB: Die Größe der Wohnung schon, aber es gibt keine Lüftung hier. Als wir Kinder waren, erlitt ich eine Gasvergiftung. Ich wurde gerade noch von einem Nachbarn vom anderen Ende des Laubengangs gerettet, einem Arzt. Besonders toll ist es hier also nicht. Das Bad ist klein, die Küche ist so klein, dass nicht einmal ein Geschirrspüler hineinpasst – und das, obwohl die Wohnung komplett saniert wurde.

GHL: Die Wohnungen hier waren also schon immer eher bescheiden?
KB: Ich weiß nicht, wer vor dem Krieg hier lebte. Ich erinnere mich aber an eine Wochenschau, in der unser Haus in der Vorkriegszeit gezeigt wurde. Im dritten Stock, vielleicht auch überall, hingen deutsche Hakenkreuzflaggen. Ich weiß nicht, was der Anlass war, irgendein Kongress wohl. Früher ging ich oft ins Kino, um die Wochenschauen zu sehen, sie gefielen mir sehr. Dieses Bild ist mir in Erinnerung geblieben.
Ich weiß auch noch, dass am Anfang eine Gasheizung in der Wohnung gab und dass das Rohr durchs Fenster hinausführte. Heizkörper wurden erst später eingebaut.

GHL: Gibt es viel Kontakt zwischen den Nachbarn?
KB: Nein, nur noch unter den älteren Leuten. Morgen fahren wir alle zusammen nach Milicz, zu einem Karpfenfest. Wenn mein Mann früher ein neues Auto kaufte, wurde das mit hausgemachtem Wein auf dem Balkon gefeiert – er machte sehr guten Wein. Als wir Kinder waren, waren die Türen immer offen. Wir aßen nicht zu Hause zu Mittag, sondern gingen von Wohnung zu Wohnung und aßen überall mit: hier Klöße, dort Piroggen… Und wenn wir zum Fußball spielen hinausgingen, waren wir sehr viele. Wir rannten durch den Park, und hinter uns her lief der Hausmeister…. wir haben viel Schabernack getrieben.
SS: Die Leute hielten zusammen.
KB: Das waren andere Zeiten. Alle Türen waren offen. Gitter, Gegensprechanlagen – das war undenkbar. Jetzt im Alter stört uns, dass es keinen Aufzug gibt.

Edward Łyszczarz zog in den fünfziger Jahren in das Haus in der ul. Tramwajowa und wohnt seither mit seiner Familie im Erdgeschoss. An dem Gespräch nahm auch sein Sohn Zbigniew Łyszczarz teil.

GHL: Erinnern Sie sich, wann das Gebäude in die Denkmalliste aufgenommen wurde? War damals etwas Besonderes los?
ZŁ: Nichts dergleichen, ich habe davon nichts mitbekommen.

GHL: Wussten die Leute gar nichts davon?
ZŁ: Vielleicht wussten sie es nicht einmal… die Wohnungen wurden verkauft und es stand nirgends, dass das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Die Leute renovieren, tauschen Türen aus und niemand kümmert sich darum.
SS: Es ist doch klar, dass das alles wieder weggeworfen werden muss. Wozu also?
ZŁ: Aber sie bauen neue Türen ein.
SS: Wozu? Hier soll alles ausgetauscht werden.
ZŁ: Niemand hat uns irgendetwas gesagt.
SS: Ich sage: wartet mit den Fenstern, tauscht sie nicht aus. Alle Fenster sollen einheitlich werden. Sie werden mit speziellen Profilen gebaut, damit sie wie das Original vor dem Krieg aussehen.

GHL: Gibt es irgendwo noch Fenster aus der Vorkriegszeit?
SS: Ja.

GHL: Was sind das für Fenster? Doppelfenster? Kastenfenster?
SS: Ja, aber nur wenige. Die Fenster im Keller sind noch im Originalzustand. Natürlich wurden sie in der Zwischenzeit gestrichen, aber das ließe sich säubern. Man könnte sie neu verglasen, denn die Rahmen sind nicht verzogen. Charakteristisch sind ihre gebogenen Metallabdeckungen. Das ist etwas einzigartiges, es müsste nur gereinigt werden. Die Holzteile sind in gutem Zustand, sie müssen neu gestrichen werden und wären dann noch viele lange Jahre gut. Die neuen Fenster werden aus Aluminiumprofilen sein – mit Doppelverglasung und Holzleisten von außen.

GHL: : Welche Teile sind sonst noch im Originalzustand? Sehr vieles ist ja verschwunden.
SS: Die kleinen Fenster – in den Wohnungen im 2. und 3. Stock sind noch Originalfenster erhalten. Und in der Wohnung Nr. 15 ist der ursprüngliche Küchenfußboden noch vorhanden.
SS: (zu EŁ) Sie können am meisten über das Haus erzählen, Sie erinnern sich ja noch an die Nachkriegsjahre…
EŁ: PAuch noch an die Vorkriegsjahre!
SS: Sie sind kurz nach dem Krieg hier eingezogen. Können Sie uns erzählen, wie es hier war, was noch original ist und wie es hier nach dem Krieg aussah?
EŁ: Das kann ich genau sagen, ich wohne hier seit 1954. Hier im Erdgeschoss wohnte ein Architekt, der später nach Łódź umgezogen ist. Es gab einige solche Pioniere, die Älteren sind schon tot, aber die Jüngeren und ihre Kinder sind noch hier.

GHL: War das Gebäude in den fünfziger Jahren stark belegt? Lebten zusätzlich einquartierte Mieter hier, oder wurde jeder Familie eine ganze Wohnung zugeteilt?
EŁ: Jede Familie hatte ihre eigene Wohnung. Um das Haus herum war ein Zaun, das kleine Gebäude nebenan war auch umzäunt – so, dass keine Autos hier hereinfahren konnten, aber damals gab es die ganzen Autos ja noch nicht.
SS: Es gab mehr Grün, alles war gepflegt…
EŁ: Um das Haus herum wuchsen Birken und andere größere Bäume, aber die Feuchtigkeit störte die Hausmeisterin, deswegen hat sie die Bäume entfernen lassen. Es gab keine großen Veränderungen. Wir fuhren Erde her und ebneten das Gelände ein, neben dem Haus gab es Gräben und Unebenheiten.

GHL: Als Sie diese Wohnung hier zugeteilt bekamen – wussten Sie etwas über dieses Gebäude? In den fünfziger Jahren unterschied es sich ziemlich stark von den anderen.
EŁ: Nein, wir wussten nur, dass vor uns Deutsche hier gewohnt hatten. Und dort drüben war ein Kindergarten, der wird jetzt gerade wiederaufgebaut. Bei den Deutschen war das kein Kindergarten, sondern eine Kantine für die Hitlerjugend.

GHL: Das Gebäude wurde als Kindergarten gebaut und später unter den Nationalsozialisten für die Hitlerjugend genutzt.
EŁ: Und die Gebäude neben unserem – das und das kleine, querstehende hier – wurden zur selben Zeit gebaut und hatten soziale Funktionen (zeigt).
EŁ: Ja. Überall waren Dampfkessel…

GHL: Schon nach dem Krieg? Was war das?
EŁ: Nein, vor dem Krieg, überall. Man hat später das Dach umgebaut, es gibt keine Spur mehr von den Dampfkesseln. Das waren kleine Kamine, die aus der Wand ragten, Entlüfter eben. Hier gab es ja eine Zentralheizung.

GHL: Ventilatoren?
EŁ: Ja, in meiner Wohnung ist noch der Ventilator.

GHL: Bei Ihnen ist auch noch unten in der Wand ein Loch?
EŁ: Das ist noch aus dem Krieg, von den früheren Bewohnern. Hier stand ein Ofen, um die Wohnung zu heizen – die Zentralheizung war außer Betrieb. In den Kellern waren noch große Mengen an Schießpulver. In den Kellerfenstern standen kleine Geschütze. Später entsorgten wir das Schießpulver im Mülleimer hinter dem Haus. Es hätte nur jemand einen Zigarettenstummel… wir hatten damals keine Ahnung, was hätte passieren können.

GHL: Während der Belagerung Breslaus wurde das Gebäude kaum beschädigt. Waren zur Zeit Ihres Einzugs noch Spuren der Kriegsschäden zu sehen?
EŁ: Nein, es war nichts zerstört. Irgendwo war ein Geschoss durch eine der Wohnungen geflogen, das war alles.

GHL: Sie wohnen seit den fünfziger Jahren hier. In den siebziger Jahren wurde das Haus unter Denkmalschutz gestellt. Haben Sie damals gewußt, dass es in die Denkmalliste aufgenommen wurde?
EŁ: Nein, niemand wusste das. Die Stadtverwaltung teilte die Wohnungen zu, und die Leute zogen hier ein.

Jagoda Lotz, Studentin, Mieterin in der ul. Tramwajowa 2

GHL: Frau Lotz, Sie sind Architekturstudentin und wohnen hier seit drei Jahren. Wie fühlt sich das an?
JL: Wie es sich anfühlt… Anfangs hatte ich mit meiner Schwester ein kleines Zimmer in der Wohnung Nr. 18. Dort lebten vier Studenten. Wir zogen ein und kannten noch nicht einmal unsere Mitbewohner. Wir hatten alle unsere eigenen Zimmer, aber es war sehr nett – wir trafen uns oft auf dem Laubengang, redeten mit der Wohnungseigentümerin, unterhielten uns und hatten Spaß. Wir haben uns auch mit den Nachbarn angefreundet. Hier wohnen viele ältere Leute, man kann sich mit ihnen gut unterhalten. Sie haben uns in ihren Bekanntenkreis aufgenommen.

GHL:Ja, sie kennen sich seit langem, denn damals vor vielen Jahren zogen die Leute gemeinsam in das Gebäude ein.
JL: Sie wohnen schon lange hier. Mit den jüngeren Leuten haben wir weniger Kontakt, die Älteren sind am nettesten. Als unsere Familie Zuwachs bekam, bot man uns an, in die Wohnung Nr. 2 umzuziehen. Die Wohnung hat eine Zimmerflucht, und sie passt besser zu unserer jetzigen Lebenssituation. Wir sind dort eingezogen: mein Mann und ich, meine Schwester und ihre Mitbewohnerin. Den Balkon nutzen wir natürlich auch. Dort ist es noch netter, weil unsere Wohnung am Ende des Balkons liegt, wo sonst niemand mehr vorbeigeht. Wir haben dort einen Garten ganz für uns. Unsere Nachbarn sind ein bisschen neidisch, aber wir haben einen guten guten Kontakt mit ihnen. Es ist eine mehrköpfige Familie. Man begrüßt sich immer und wünscht sich einen guten Tag. Der Laubengang fördert das Gemeinschaftsgefühl.

GHL: Sind die Touristen ein Problem? Kommen viele Touristen hierher?
JL: Nein, die Touristen laufen vorbei und machen Fotos. Ich sehe häufig Gruppen vor dem Haus stehen, während ein Stadtführer spricht. Aber das ist kein weiteres Problem für uns.

GHL: Als Mieterin können über kaum etwas entscheiden, was das Gebäude angeht. Aber interessieren Sie sich für das Sanierungsprojekt der WuWA-Siedlung?
JL: Ja, schon auch aus beruflichen Gründen, wir sind ja Architekturstudenten. Es interessiert uns, was hier weiter passieren wird, auch im Zusammenhang mit dem Denkmalschutz.

GHL: Haben Sie den Plan für die öffentlichen Flächen gesehen?
JL: Ja, ich kenne den Plan. Ich weiß, dass der kleine Platz an der ul. Tramwajowa genutzt werden soll. Eine sehr gute Idee, denn momentan passiert dort gar nichts. Ich befürchte, dass statt der Grünfläche vor dem Haus ein Parkplatz entstehen wird. Im Herbst fallen die Eicheln wie Hagelkörner von den Bäumen, das würde die Autos beschädigen.

GHL: Es gibt zu wenig Parkplätze.
JL: Ja, leider. Momentan werden die Flächen nicht besonders gut genutzt, aber der Blick auf die Eichen durchs Fenster ist sehr schön. Die Bäume müssen bleiben, sie haben auch historischen Wert.

GHL: Was gefällt ihnen an der Wohnung?
JL: Am besten gefallen mir die Böden aus Steinholz im Schlafzimmer – man kann bequem barfuß laufen, ohne Teppich, das Material ist angenehm warm.

GHL: Gab es in Ihrer ersten Wohnung, der Nr. 18, mehr Originalelemente?
JL: Nein, dort war bereits Laminat verlegt. Die Anordnung der Räume war auch verändert – man hatte ein kleines Zimmer geschaffen, wo vorher die Küche und ein Vorzimmer war.

GHL: Hier ist jede Wohnung anders, nicht wahr?
JL: Ja, ich habe einige Wohnungen gesehen, als ich die Inventarisierung der Gebäudeelemente gezeichnet habe – jede Wohnung ist anders, sogar auf demselben Stockwerk. Ich weiß aber nicht, ob das immer so war, oder ob das die Folge der Renovierungen durch die Bewohner ist.