Ziele
Auf dem an die Ausstellung angrenzenden Gelände zwischen den heutigen Straßen ul. Wróblewskiego, ul. Tramwajowa, ul. Dembowskiego, ul. Zielonego Dębu und ul. Kopernikawurde auf Initiative des Werkbunds und in Zusammenarbeit mit der städtischen Baubehörde die Experimentalsiedlung gebaut, erstellt von der Siedlungsgesellschaft Breslau A.G. Was Wohnungstypen und -größen, Bautechniken und Baumaterialien anging, wurde das Programm dieser Experimentalsiedlung in Abstimmung mit der RFG festgelegt. Das Ziel der Mustersiedlung war vor allem, neue Typen von preiswerten kleinen und mittelgroßen Wohnungen zu zeigen, deren Erstellung dem dringenden gesellschaftlichen Bedarf entsprach. Damit verbunden war auch die Vorstellung neuer Hausformen sowie innovativer Bautechniken und -materialien. Das städtebauliche Konzept entwickelten Adolf Rading und Heinrich Lauterbach. Das ursprüngliche Projekt der Mustersiedlung sah 37 Objekte vor: Ein- und Zweifamilienhäuser, Reihenhäuser, Mehrfamilienhäuser und einen Kindergarten. Fünf Objekte wurden nicht realisiert. Insgesamt entstanden 103 kleine Wohnungen mit einer Fläche von 45-60m2 und 29 größere Wohneinheiten. Die Ausstellung umfaßte auch die Freiflächen – die öffentlichen Grünflächen und die Hausgärten.

Zur Mitwirkung an der Ausstellung hat man 11 Architekten eingeladen und ihnen vollständige schöpferische Freiheit zugesichert: Paul Heim, Albert Kempter, Theodor Effenberger, Ludwig Moshamer, Heinrich Lauterbach, Paul Häusler, Moritz Hadda, Emil Lange, Gustav Wolf sowie Hans Scharoun und Adolf Rading, die bereits an der Stuttgarter Weissenhofsiedlung mitgewirkt hatten

Der Bau der Mustersiedlung dauerte lediglich drei Monate. Während der Ausstellung waren die fertig eingerichteten Innenräume der Häuser für die Besucher zugänglich. Nachdem die Ausstellung geschlossen worden war, entwickelte sich die Siedlung zu einem Künstlerviertel. In die Häuser zogen vor allem Mitarbeiter der Breslauer Kunstakademie, Architekten, Sänger und Schriftsteller ein. Eine Zeit lang wohnten hier unter anderem: Günter Grundmann (im Ledigenheim von Hans Scharoun), Johannes Molzahn, Gerhard Neumann, Robert Bednorz, Georg Muche (im Hochhaus von Adolf Rading), Johannes Drobek (im Laubenganghaus von Paul Heim und Albert Kempter), Heinrich Lauterbach (in dem von ihm selbst entworfenen Reihenhaus Nr. 15), Oskar Schlemmer (ehemaliger Lehrer am Bauhaus, im Reihenhaus Nr. 14 – sein Studio befand sich im Haus von Adolf Rading), Hans Scharoun und Theo Effenberger (im eigenen Haus aus dem Jahre 1926, das gegenüber der Wohnsiedlung gelegen war.)

Paul Häusler, einer der an der Realisierung beteiligten Architekten, schrieb über die Zielsetzung der Musterhäuser: „Was ist zu erstreben? Sonne und Luft, Bewegungsraum in und bei der Wohnung, vollkommene sanitäre und technische Einrichtung.“

Funktionalität und Raumaufteilung
Die Mustersiedlung kann in zwei Teile gegliedert werden – zum einen wurden Mehrfamilienhausbauten verschiedener Typen, zum anderen Ein- und Zweifamilienhäuser gezeigt. Angesicht des Wohnungsmangels und der kriselnden Wirtschaft ging es darum, ein Angebot an erschwinglichen Wohnungen zu schaffen; gleichzeitig suchte man nach preiswerten Baumethoden. Man präsentierte unterschiedliche Lösungen für Raumaufteilung und Funktion. Für jeden Hausbewohner sollte ein eigener Schlafraum vorgesehen sein, von den anderen Räumen abgegrenzt – gleichzeitig wurden die Räumlichkeiten des täglichen Aufenthalts oft zu einem großen Raum zusammengefasst. Es wurde viel Wert darauf gelegt, dass die Tagesräume und die Schlafzimmer auf einer Ost-West-Achse lagen.

Hans Scharoun präsentierte auf der WuWA-Ausstellung den völlig neuen Typ eines Apartmenthauses für Ledige und kinderlose Ehepaare (Nr. 31). Die Idee, Jugendliche in einem gemeinschaftlichen Geist aufwachsen zu lassen, war eine Inspiration für Adolf Rading beim Entwurf seines Mehrfamilienhauses Nr. 7 – viele Funktionen des Hauses wurden „sozialisiert“: die Bewohner sollten ihrer Arbeit, ihrer Fortbildung oder der Unterhaltung mehr Zeit widmen können. Gustav Wolf schlug ein Gebäude mit mehreren Treppenhäusern vor (Nr. 3-6) – die Absicht des Architekten war, Etagenwohnungen zu entwerfen, die gleichzeitig die Vorteile eines Einfamilienhauses besaßen, dank eines separaten Eingangs für jede Wohnung, einer eigene Treppe und eines eigenen Kellers.

ZDas Laubenganghaus von Paul Heim und Albert Kempter (Nr. 1) bietet den Vorteil, dass hier die Flächenanteil der Erschließung stark reduziert werden konnte: ein Treppenhaus erschließt in jedem Geschoß sechs Wohnungen, die an einem Laubengang liegen. Die Wohnfläche aller Wohnungen beträgt zusammengenommen 12 x 48m2 und 6 x 60m2. Die Laubengänge liegen auf der Westseite, die Wohn- und Schlafräume gehen nach Osten. Der Typ eines Laubenganghauses war vorher in der Architektur Schlesiens nicht bekannt, das Haus von Heim und Kempter stellte den Versuch dar, diesen Gebäudetyp im spezifischen Klima Ostdeutschlands zu testen.
Paul Heim und Albert Kempter waren gleichzeitig auch die Architekten des innovativen Kindergartens (Nr. 2) für 60 Kinder.Der eingeschossige Bau mit Holzfassade verfügte über einen zentral gelegenen großen Spielsaal, belichtet über ein Oberlicht, das über das flachgeneigte Dach hinausragte. Um diesen Hauptraum herum waren Räume für Gruppenaktivitäten angeordnet.
Das Wohnungsangebot der Mietshaustypen wurde durch eine Reihenhausgruppe ergänzt (Nr. 9-22): kleine Wohneinheiten mit Flächen zwischen 45 m2 und 90 m2. In der Eckeinheit von Emil Lange werden vier Wohnungen pro Geschoß von einer gemeinsamen Treppe bedient, wodurch 40% der Verkehrsfläche eingespart werden konnten. Die restlichen Einheiten (Nr. 10-22) sind Reihenhäuser mit äußerst einfachen und sparsamen Grundrissen. Die Wohnungsgrößen sind ähnlich, die Wohnungen unterscheiden sich aber hinsichtlich der Details ihrer räumlichen Aufteilung. Im Erdgeschoss befindet sich der Tagesbereich mit Küche, der über eine Terrasse mit dem Garten verbunden ist, im Obergeschoß liegen die Schlafzimmer und ein Badezimmer. Nur das Eckgebäude von Theodor Effenberger (Nr. 21, 22) enthält Wohnungen mit größerer Wohnfläche (Nr. 21 – 148,86 m2, Nr. 22 – 94,2 m2), darunter eine Wohnung mit Atelier.
Die Einfamilienhäuser zeigten ähnliche funktionale Lösungen. Sie boten einen höheren Standard als der Mietwohnungsbau, mit einer Wohnfläche von über 150 m2, einer effektvollen architektonischen Gestaltung und einem durchdachten Grundriss. Bei allen Häusern waren Wohnbereich und Schlafbereich getrennt. Rading war der Auffassung, dass „ein Haus, das sich nicht auf den Garten, die Luft und die Sonne öffnet, ein Absurdum ist“. Alle in der Ausstellung gezeigten Einfamilienhäuser folgten dieser Maxime – sie öffneten sich mit großen verglasten Flächen zum Garten. Innovativ sind auch weitere Einzelheiten: großflächige Außenterrassen sowohl im Erdgeschoß als auch auf den Dächern, die Möglichkeit, zwei Räume durch das Öffnen einer Glas- oder Falttür miteinander zu verbinden, oder das Aufsetzen von Teilen des Hauses auf Stützen, was die Baukosten verringern sollte.

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