Die Farbgebung
Zu diesem Thema gibt es im Fall der Breslauer Werkbund-Aussiedlung wenig verläßliche Daten. In den Häusern ist dieoriginale Farbgebung nicht erhalten, die einzigen Informationen darüber stammen aus der Fachpresse der Vorkriegszeit. Einige Häuser wurden noch vor dem Zweiten Weltkrieg neu verputzt. Nur im Haus Nr. 31 von Hans Scharoun wurden stratigrafische Untersuchungen der Farbschichten durchgeführt, wodurch es möglich war, die komplette vom Architekten verwendete Farbpalette präzise zu rekonstruieren.
Ilse Molzahn beschrieb das „weißglänzende Gelände der Siedlung“. Gustav Wolf wies ebenfalls auf eine gewisse Homogenität der Farbvorschläge hin. Seiner Darstellung nach folgten die beteiligten Architekten der Vorliebe der damaligen Zeit für helle Farben im Außen- und Innenbereich, changierend zwischen Weiß und hellen Pastelltönen. Die meisten Häuser der WuWA-Siedlung können in der Tat der sogenannten „Weißen Architektur“ zugerechnet werden, einer Strömung, die zu Beginn der dreißiger Jahre in Europa verbreitet war. Das Innere des Hauses Nr. 35 von Heinrich Lauterbach kann man als Weiterführung dieses Konzepts ansehen: Weiß, Schwarz und Grautöne dienten hier als Hintergrund für ein rotes Regal und einen gelben Tisch, was lebhafte und gewagte Kontraste erzeugte. Bekannt ist auch die Farbplatte des Mehrfamilienhauses Nr. 7 von Adolf Rading. Der Architekt bediente sich dreier stark kontrastierender Farben: Weiß, Schwarz und Rot. Durch eine abwechselnde Farbgebung in diesen starken Farben grenzte er Raumbereiche verschiedener Funktion voneinander ab.

Ein völlig anderes Farbkonzept realisierte Hans Scharoun in seinem Ledigenheim. Als Architekt arbeitete er unkonventionell und unterwarf sich keinerlei Dogmatik. Er verließ die CIAM schon bald nach der Gründung und wehrte sich damit gegen den doktrinären Rationalismus von Le Corbusier und gegen die Ideologie der Internationalen Architektur. Seine architektonischen Werke sind einmalige Objekte, keine Reproduktionen der geometrischen Schemata des Internationalen Stils. Alle Entscheidungen bezüglich der Farbgebung behielt sich Scharoun ausdrücklich selbst vor. Stratigrafische Untersuchungen zeigten, dass er die Farbgebung bereits während der Ausführung änderte. Nach dieser Korrektur zeigte sich die Gebäudefassade in einem hellen („leuchtenden“) Ocker. Alle Elemente der Beplankung, die Außengeländer, die Holzfenster und -türen sowie die Metallgitter auf dem Dach des linken Flügeln waren in einer warmen „mausgrauen“ Farbe gehalten. Lediglich die Balkontüren im rechten Flügel bekamen die gleiche Farbe wie die Fassade – ein helles Ocker. Die Stahlbetonkonstruktion für die Kletterpflanzen auf dem Dach des linken Flügels war orange-rot, die Stahlbetonelemente des Gebäudesockels und die Sichtbeton-Außenmauern wurden in der natürlichen Farbe des Betons gelassen.

WuWa nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Breslau zu Wrocław und gehört seither zum polnischen Staatsgebiet. Die Kampfhandlungen bei der vorausgegangenen Belagerung der Stadt hatten der Siedlung WuWA glücklicherweise keinen wesentlichen Schaden zugefügt. Neue Bewohner zogen hier ein, die im Jahre 1945 in diese sehr zerstörte und für sie fremde Stadt umgesiedelt wurden. Sicherlich konnten sie die Qualitäten dieser für damalige Verhältnisse ultramodernen Architektur nicht vollständig wertschätzen, denn sie kamen aus Gebieten mit einem gänzlich anderen kulturellen Hintergrund, und sie waren durch die Alltagsprobleme in den ersten Nachkriegsjahren gezwungen, sich mit anderen Themen zu beschäftigen.

Die Gebäude der Siedlung wurden nicht wesentlich verändert. Noch vor 1939 wurden an manchen Stellen kleine Umbauten vorgenommen (zum Beispiel am Haus Nr. 28 von Emil Lange, bei dem der Raum unter dem auf Stützen stehenden Gebäudeteil geschlossen und zum Garten hin eine Terrasse hinzugefügt wurde). Nach dem Krieg gab es ebenfalls nur wenige Eingriffe in die Gebäudeform. Die Häuser blieben überwiegend erhalten und werden weiterhin genutzt, mit Ausnahme des Zweifamilienhauses von Gustav Wolf (Nr. 32/33), das nach 1945 abgetragen wurde und des Kindergartens von Paul Heim und Albert Kempter (Nr. 2), der 2006 abbrannte, aber im Jahre 2013 nach den Originalplänen wiederaufgebaut wurde.

Große Veränderungen an Fassade und Baukörper sind nur an drei Häusern zu verzeichnen. Im Haus Nr. 22 von Theodor Effenberger wurde über dem ursprünglich eingeschossigen Erdgeschoss ein Stockwerk hinzugefügt. Die Umbauten am Gebäude Nr. 7 von Adolf Rading sind am bedeutendsten, denn sie veränderten die gesamte Ausstrahlung der ursprünglich interessanten Architektur, von der man angesichts des eher armseligen Erscheinungsbilds von heute kaum mehr etwas ahnen kann. Die äußeren Windfänge wurden abgerissen, an der Ostseite wurde der Leerraum zwischen den beiden Gebäudeteilen zugebaut, die Originalformen der Fenster wurden verändert, die ursprüngliche Dachlandschaft mit Dachterrassen und Ateliers ist nicht mehr erkennbar. Umgebaut wurde auch das im Krieg beschädigte Haus Nr. 35 von Heinrich Lauterbach – man teilte es in zwei Haushälften und fügte über der einen Hälfte ein Geschoß hinzu.
Die Nutzung der Häuser blieb in den meisten Fällen unverändert. Ausnahmen bilden hier das Haus Nr. 7 von Adolf Rading (früher ein Mehrfamilienhaus, heute Studentenwohnheim), und das Haus Nr. 31 von Hans Scharoun (das frühere Ledigenheim ist heute ein Hotel).
Die Grünanlagen spielten bei der Idee der Siedlung ebenfalls eine wichtige Rolle, ihr Erscheinungsbild entwickelte sich aber im Laufe der Zeit sehr unvorteilhaft – es gibt viel Wildwuchs im öffentlichen Raum, und von der ursprünglichen Gestaltung der Hausgärten ist kaum mehr etwas zu ahnen. Eine unglückliche Entscheidung war zudem der Neubau eines Kindergartens mitten auf der zentralen Grünfläche der Siedlung und die Errichtung des Einfamilienhauses ul. Tramwajowa 23 (auf einem Grundstück, das ursprünglich dem Reihenhauskomplex zugeordnet war).

WuWA heute
Heute steht außer Frage, dass die Siedlung WuWA einen einzigartigen Rang in Europa hat. Die Architekten der Stadt Wrocław zeigten ihre Wertschätzung bereits in den siebziger Jahren – 1972 wurde das Haus Nr. 31 von Hans Scharoun, 1979 die übrigen Häuser in das Denkmalregister der Stadt Wrocław eingetragen, was bedeutet, dass Funktion, Konstruktion, Bautechniken, Außen- und Innenform geschützt sind. Am 28. März 2007 wurde dann auch das gesamte städtebauliche Ensemble der WuWA-Siedlung unter Denkmalschutz gestellt. Somit gilt als generelles Denkmalschutzprinzip, dass im WuWA-Gebiet die vollständige Revalorisierung der Gebäude und ihrer Umgebung unter Einhaltung ihres städtebaulichen Charakters als Ziel zu verfolgen sind.

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