Konstruktion, Materialien und Bautechniken
Die Breslauer Mustersiedlung sollte ebenfalls ein Experiment hinsichtlich der im Wohnungsbau verwendeten Bautechniken sein. Man bediente sich jedoch nur solcher Baumethoden, die in gewissem Maß bereits ausprobiert worden waren – sie sollten lediglich im spezifisch schwierigen Klima Schlesiens getestet werden. Es ging vor allem um Ökonomie und Modernität. Besonders konzentrierte sich das Interesse dabei auf die Möglichkeiten der Vorfertigung und auf die Plattenbauweise. Die Skelettbauweise war das in der Siedlung am häufigsten angewandte Konstruktionsprinzip, vor allem bei den Mehrfamilienhäusern. Hierbei hatten die Wände keine tragende Funktion mehr, gleichzeitig erlaubte diese Bauweise die Errichtung hoher Gebäude und ermöglichte eine freie Gestaltung der Fassaden und Innenräume. Ausgeführt wurden Holz-, Stahl- und Stahlbetonskelette mit großformatigen Füllungen. Nur bei einzelnen freistehenden Häusern und bei den Reihen-Einfamilienhäusern wurden Methoden angewandt, die den traditionellen ähnelten und bei denen die Außenwand konstruktive Funktionen übernahm. Die Materialien, die für die Ausfachung der Skelettbauten benutzt wurden, ließen jedoch sehr zu wünschen übrig. Man suchte nach leichten und damit leicht anwendbaren vorgefertigten Elementen – in den meisten Fällen waren es Leichtbetonblöcke, ein Baustoff, der in der Vorkriegszeit in Europa weit verbreitet war und zur thermischen oder akustischen Isolierung von Betonwänden oder als Außen- bzw. Innenschale für ein Holzskelett eingesetzt wurde. Große bautechnische Schwierigkeiten bereiteten auch die Flachdächer – nicht so sehr aus konstruktiven Gründen, sondern aufgrund der Probleme mit den feuchtigkeitssperrenden und wasserableitenden Abdichtungen.
Die eingesetzten Materialien bewährten sich nicht immer im Klima Schlesiens, das charakterisiert wird durch eine hohe Luftfeuchtigkeit im Frühjahr und im Herbst, niedrige Temperaturen im Winter und vor allem durch große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Bereits nach drei Jahren kamen die ersten bautechnischen Fehler zum Vorschein – an vielen Stellen durchfeuchtete Wände, abfallender Putz, Wasserflecken auf den Wänden und Feuchtigkeit auf ihrer Innenseite. Gründe für diese Missstände waren nicht nur die verwendeten Baumaterialien, die übermäßig viel Feuchtigkeit aufsaugten oder eine schlechte Außenabdichtung besaßen, sondern auch das Aufbringen einer Wärmedämmung auf der Innenseite der Gebäudewände, was zum Durchfrieren der durchfeuchteten Wände und zu damit zu ihrer raschen Zerstörung führte.
Innenausstattung
Ein Thema weiterführender Überlegungen war die Ausstattung der Innenräume. Die neuen Wohnräume für den „Neuen Nutzer“ bedurften einer speziellen Einrichtung, kleine Wohnungen konnten nicht mit traditionellen Möbeln ausgestattet werden. Pastellfarbene Innenräume sollten statt dessen einen geeigneten Hintergrund bilden für asketische Ausstattungselemente mit stärkerer Farbgebung. Eine Leitvorstellung dabei war die Möblierung der Häuser mit industriell produzierter Ausstattung. Preiswerte Möbel, für jedermann erhältlich, sollten jederzeit ergänzt werden können. Die Wohnungen sollten also von den Eigentümern gemäß ihrer Bedürfnisse und finanziellen Möglichkeiten gestaltet werden und auf diese Weise einen individuellen Charakter bekommen. In beinahe jedem Musterhaus gab es leichte Sessel und Stühle aus Stahlrohr oder Bugholz, statt Spiralfedern benutzte man für die Polsterung Bänder, die über den Rahmen des Möbelstücks gespannt waren und dem Sitz eine hervorragende Elastizität gaben.

„In Lauterbachs Irrationalen schwingt alles leicht und fein“ – schrieb Edith Rischowski und charakterisierte damit das Haus Nr. 35. Der Architekt hatte dort die Sitzmöbel selbst entworfen. Es waren leichte Möbel aus Stahlrohr, bestimmt für ein Wohnzimmer mit Klavier oder für ein Arbeitszimmer mit einem Schreibtisch aus Glas und Metall. Rotlackierte Bücherregale wurden mit verchromten Metallstühlen und einem Tisch mit mattgelber Glasplatte und schwarzem Gestell kombiniert. Die Gestaltung der Wohnräume dieses Hauses zeigte deutlich, wie sehr der neue Stil die Gesamtheit aller Elemente durchdringen konnte – vom Städtebau über die Architektur bis hin zur Inneneinrichtung.

Die Innenräume von Theo Effenberger (Nr. 21, 22, 26/27) waren mit ein wenig schwereren einfachen Holzmöbeln aus dezent gemaserter polierter Birke ausgestattet, die sich von den hellen Wandflächen abhoben. Im Einfamilienhaus von Moritz Hadda (Nr. 36) hatten die Möbel eine eher traditionelle Form – sie waren aus Holz, gepolstert, in starken Farben. Bemerkenswert war dort das Kinderzimmer mit zwei Tischen und zwei Klappbetten, wodurch die während des Tages nutzbare Fläche vergrößert werden konnte.

Im Gebäude von Hans Scharoun (Nr. 31) führte die perfekte Abstimmung der Möblierung auf die Größe der Räumlichkeiten in den Wohnungen dazu, dass die kleinen Apartments in der Praxis zu geräumigen und komfortablen Wohneinheiten wurden. Im Kontrast zur notwendigen „puritanischen“ Strenge der Einrichtung standen die starken und lebendigen Farben der Gemeinschaftsräume (Foyer und Restaurant). Scharoun unterstrich die spezifische Ästhetik seiner Architektur durch leichte, von ihm selbst entworfene Möbel aus Stahlrohr sowie durch Einbaumöbel. Die übrige Einrichtung bestand aus Standardmöbeln, meist Möbel der Firma Thonet.