Gasior
Ledigenheim nr 31
Jacek Gąsior, stellvertretender Verwaltungsdirektor im Schulungszentrum der Staatlichen Gewerbeaufsicht PIP, beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren fast täglich mit dem von Hans Scharoun entworfenen Gebäude.

Herr Gąsior führte mich durch das Haus und zeigte mir den aktuellen Stand der Renovierungsarbeiten. Schon beim Betreten der Vorhalle wies er mich auf Details hin, die der Aufmerksamkeit eines Besuchers entgehen könnten und die von besonders gut durchdachten planerischen Lösungen zeugen – was auch zeigte, dass mein Führer über die kleinsten Einzelheiten seines Hauses bestens Bescheid wusste. Vom gegenwärtigen Schulungsgebäude aus gingen wir hinüber ins Hotel und passierten auf dem Weg die restaurierten Außenanlagen mit ihren Pfaden durch die Grünflächen und die Terrasse vor dem Eingang. Im Gebäude selbst durchquerten wir das Hauptfoyer mit seiner prägnanten, auf der Grundlage von stratigraphischen Studien rekonstruierten Farbgebung und gelangten zum Hotelflügel. Dort befindet sich das restaurierte Zimmer Nr. 48, das an mehrere neu eingerichtete Apartments grenzt. Anschließend führte mich Herr Gąsior durch die restaurierten Flure auf das erst kürzlich fertiggestellte Dach des Gebäudes.
Das Dach hat seine ursprüngliche Gestaltung als eleganter Aufenthaltsort für Sonnenhungrige zurückerhalten. Details wurden restauriert und am ursprünglichen Ort wieder eingesetzt oder nach historischem Vorbild neu gestaltet. Der im Rahmen früherer Renovierungsarbeiten verlegte Betonestrich wurde entfernt. Das gleiche gilt für die nicht fachgerecht ausgeführte Dachisolierung, die so dick war, dass sie zwei Stufen der Originaltreppe verdeckte, welche die Dachfläche mit dem Hotelflur verbindet. An zahlreichen Stellen wurden die ursprünglichen Gestaltungselemente wiederhergestellt, wie etwa die einstigen Entwässerungsöffnungen der Dachterrasse, die jahrelang unter immer neuen Pappschichten verborgen waren. Restauriert wurden auch die prächtigen Sichtbetonelemente, wie z.B. eine Wendeltreppe mit nach oben geschwungenen Stufenkanten. Auch die Blumenkübel für Kletterpflanzen, die den „künstlichen Strand“ auf dem Dach in mehrere kleinere Bereiche gliedern, und die „schiffsartige“ Form der Geländer, Balustraden und Rankgerüste wurden wiederhergestellt. Obwohl das Dach gegenwärtig nicht öffentlich zugänglich ist, wäre es bereits an sich einen Besuch wert: der Blick von oben auf das Gebäude und seine Umgebung zeigt den „Ozeandampfer“ in seiner ganzen Pracht. Selbstverständlich ist noch nicht alles renoviert: Arbeiten an den Dachflächen der niedriger liegenden Gebäudeteile stehen noch an, genau wie am seitlichen Treppenhaus und in einem Teil der Zimmer. Auch im Parterre müssen noch innenarchitektonische Details ergänzt werden. Der stetige Fortschritt der Restaurierungsarbeiten hingegen weckt Optimismus – insbesondere bei all jenen, die sich noch an die graubraune Lambris im Foyer und an den allgemeinen Verfall des Gebäudes vor Mitte der 90er Jahren erinnern können.

Grażyna Hryncewicz-Lamber: Wie sah die Geschichte dieses Gebäudes in der Nachkriegszeit aus? Das Haus war als Ledigenheim geplant worden, diente später als Hotel und wurde während des Krieges als Lazarett genutzt.
JG: Dieses Gebäude wird seit dem Krieg von der Staatlichen Gewerbeaufsicht genutzt. Einst unterstand die Aufsichtsbehörde den Gewerkschaften, später änderte sich ihr Status. Aber der Sitz befand sich die ganze Zeit über hier.

GHL: War das Gebäude von Anfang an ein Schulungszentrum und Hotel?
JG: Ja, hier befand sich von Anfang an die Schule der Gewerbeaufsicht, wo Mitarbeiter der PIP und soziale Arbeitsinspektoren geschult wurden.

GHL: Wann wurde ernsthaft mit der Restaurierung des Gebäudes begonnen? Das Objekt wurde bereits 1972 in das Denkmalregister aufgenommen.
JJG: Mitte der 90er Jahre initiierte der damalige und heutige Direktor des Zentrums (in der Zwischenzeit war er einige Jahre lang Abgeordneter im polnischen Parlament) die Renovierungsarbeiten. Zu jener Zeit war der schlechte Zustand des Hauses mit bloßem Auge erkennbar. Der Direktor überzeugte das Entscheidungsgremium der PIP, Mittel für die Restaurierung des Gebäudes bereitzustellen. Seit 1996/1997 war ich an den Arbeiten beteiligt. Unser Bewusstsein für den Wert und den Charakter dieses Gebäudes nahm durch die Kontakte mit Historikern und Denkmalschutzexperten stetig zu. Ich sah, dass das Hotel zuvor ohne besondere Sorgfalt renoviert worden war, ohne das Bewusstsein, dass es sich dabei um ein Objekt von großer architektonischer Bedeutung handelte. Kurz gesagt: es wurde so renoviert, wie das in den 60er und 70er Jahren eben möglich war. Die damals gebräuchlichen Technologien und die Verfügbarkeit der Materialien entschieden über die eingesetzten Methoden. Erst Mitte der 90er Jahre wurde allen bewusst, dass wir es hier mit einem hochklassigen historischen Bauwerk zu tun haben. Und da es sich um das Vermögen der Staatskasse handelt, war es unsere Pflicht, das Objekt ordnungsgemäß, d.h. denkmalgerecht zu renovieren. Große Hilfe erfuhren wir dabei von Frau Dr. Jadwiga Urbanik und Frau Dr. Agnieszka Gryglewska. Auch die Leiterin des städtischen Amts für Denkmalschutz ist uns wohl gesonnen. Der entscheidende Moment war, als wir zur Überzeugung gelangten, dass es das Beste sei, zum Bauplan von Hans Scharoun zurückzukehren. Die von ihm entworfenen Lösungen haben bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Stratigraphische Untersuchungen der verwendeten Farben und eine Denkmalschutzstudie lieferten uns Hinweise darüber, wie das Gebäude vor dem Krieg ausgesehen hatte. Schließlich waren alle der Meinung, dass sogar die Rückkehr zur ursprünglichen Farbgebung Scharouns im Gebäudeinneren der Mühe wert sein würde. Bei den nachfolgenden Renovierungsarbeiten profitierten wir vom Wissen von Frau Urbanik und Frau Gryglewska, die uns angemessene Lösungen und Techniken an die Hand gaben. Wir fingen also an, besser geplante, sinnvolle Renovierungsarbeiten zu realisieren. Dabei bemühten wir uns, wiederherzustellen, was noch wiederhergestellt werden konnte. Ich muss sagen, dass alle zufrieden damit sind.
Wir haben eines der Zimmer so weit wie möglich originalgetreu wieder hergerichtet. Dazu sind die Meinungen geteilt: einigen gefällt das Ergebnis – mir zum Beispiel, ich mag diesen Stil – aber anderen Leuten gefällt es nicht.

GHL: Ich habe das Zimmer während einer Besichtigung mit einer Gruppe britischer Studenten gesehen. Es erfüllt seinen Bildungszweck tatsächlich hervorragend. Die Besichtigung regte das Vorstellungsvermögen der Studenten stark an, sie konnten das Zimmer Nr. 48 mit der Größe ihrer eigenen Wohnungen vergleichen und bekamen eine Idee davon, wie es hier Ende der 20er Jahre ausgesehen hat: ein logisches Minimum für ein Paar mit einer für die damalige Zeit sehr reichen Ausstattung – mit großem Badezimmer und Küchenzeile. Der Besuch hat tatsächlich die Phantasie der Studenten angesprochen.
JG: Interessant ist, dass man in diesem Zimmer alles Nötige zum Leben findet, obwohl die Fläche verhältnismäßig bescheiden ist – und dass dabei alles sehr funktional gehalten ist. Das Zimmer wurde genau mit diesem Ziel wiederhergerichtet: um das ursprüngliche Konzept des Architekten zu veranschaulichen. Allerdings wird der Raum auch normal vermietet, wir quartieren dort Gäste ein. Es gibt sogar Fans, die immer ausdrücklich in diesem Zimmer untergebracht werden möchten. Andererseits gibt es Personen, denen die Atmosphäre des Zimmers weniger zusagt. Die charakteristische Farbgebung, der Linoleumfußboden und andere Elemente wirken in manchen Augen zu kühl für ein Hotelzimmer. Mit Rücksicht auf das von Jahr zu Jahr zunehmende Interesse an dem Gebäude sind wir aber zu dem Schluss gekommen, dass ein solches Musterzimmer hergerichtet werden sollte. Das heißt natürlich nicht, dass wir in den übrigen Zimmern mit dem Konzept Scharouns gebrochen haben. Ganz im Gegenteil, wir haben gewisse Lösungen in Zimmer 48 ausprobiert und diese dann in weiteren Zimmern angewandt. Einige Zimmer haben wir mit erhöhtem Standard renoviert, die Ausstattung geht auf die Pläne des Innenarchitekten Adam Sołtys zurück. Er sollte den Stil Scharouns in leicht modernisierter Form berücksichtigen, um die allgemeine Atmosphäre des Objekts zu wahren und dabei gleichzeitig unseren Gästen von heute nicht das Gefühl zu geben, in einem Museumszimmer zu wohnen. Meiner Ansicht nach ist das perfekt gelungen. Dieses Jahr haben wir das Konzept leicht überarbeitet, damit die Zimmer ihrer aktuellen Funktion noch besser gerecht werden – d.h. der Unterbringung von Schulungsteilnehmern, die einen Ort zum Lernen benötigen. Unsere wichtigste Aufgabe als öffentliche Einrichtung ist die Schulung von Mitarbeitern der Aufsichtsbehörde und von zukünftigen Inspektoren. Häufig sind die Teilnehmer zwei Wochen hier zu Gast und müssen sich in dieser Zeit große Mengen von Lernstoff aneignen. Deshalb kamen wir auf die Idee, etwas von der Funktion abzuweichen, die Scharoun für die Zimmer vorgesehenen hatte – Wohnungen für kinderlose Paare oder Alleinstehende. In der ursprünglichen Version befand sich auf den zwei Ebenen der Wohnung im unteren Bereich eine Art Speise- bzw. Wohnzimmer, und oben ein Schlafzimmer. Wir haben haben zwei durch ein Badezimmer miteinander verbundene Einheiten eingerichtet. Damit wird ein Minimum an Komfort erzeugt. Diese Lösung werden wir auf alle übrigen Zimmer ausweiten.
Wir entfernen auch den Gipsverputz an den Wänden und kehren zum Mineralputz zurück. Die in den Zimmern vorhandenen Kochnischen werden mit einer Küchenzeile ausgestattet. Es ist eine gute Idee, Leuten, die zwei Wochen lang in einem Zimmer leben, dort die Möglichkeit zu bieten, sich einen Kaffee zu kochen. Die Küchenzeilen verfügen über eine Spüle und Platz für einen Wasserkocher und einen Kühlschrank, wodurch der Komfort deutlich erhöht wird. Man sieht – das Konzept von Zimmer 48 bewährt sich unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts in den übrigen Zimmern.

GHL: Mit den Badezimmern gibt es kein Problem, weil diese von Anfang an den heutigen Hotelstandards entsprachen. Für ein Hotel sind die Bäder sogar relativ groß.
JG: Ja, obwohl die Ausstattung nicht überladen wirkt. Die Badezimmer waren immer eher spartanisch eingerichtet, sie finden dort keine überflüssigen Elemente. Aber das war wahrscheinlich die Maxime der Modernisten. Wir haben die Möbel, die farbliche Gestaltung und die Ausstattung der neuen Zimmer unter ähnlichen Gesichtspunkten zusammengestellt und werden dies auch so beibehalten, wenn wir neue finanzielle Mittel akquirieren können.

GHL: Diese Politik der kleinen Schritte finde ich interessant. Das Gebäude wird eigentlich ständig renoviert und ähnelt dadurch immer mehr und immer besser dem Original. Sie bessern die im Rahmen früherer Renovierungsarbeiten begangenen Fehler aus. Ein Beispiel ist der Einbau neuer Fenster, die vom Material her den ursprünglichen Fenstern mehr entsprechen als die bisherigen aus weißem Kunststoff.
JG: Obwohl das Gebäude aus praktischer Sicht hervorragend durchdacht ist, birgt es einige Nachteile, die mit der Unzulänglichkeit der damaligen Baumaterialien und Bautechniken zusammenhängen. Unter anderem haben wir mit undichten Fenstern und relativ dünnen Wänden zu kämpfen, was zu hohen Energieverlusten führt. Die Entscheidung für den Einbau neuer Fenster aus Kunststoff wurde im Hinblick auf die Dichtigkeit und die Vermeidung von Wärmeverlusten getroffen. Wir haben zweifarbige Fenster eingebaut: von außen grau und von innen weiß, um an die Farbgestaltung der alten Holzfenster anzuknüpfen, die mit einer grauen Schiffsfarbe lackiert waren. Auf diese Weise konnte die Isolierung der Fenster stark verbessert werden und der Wind pfeift nicht mehr durch die Räume. Es ist uns auch gelungen, das Gebäude so gut wie möglich zu dämmen – allerdings nur die Seitenwände, bei denen keine wesentlichen Veränderungen des Umrisses und der äußeren Gestalt des Gebäudes zu befürchten waren. Die Frontfassade und die Hinterwand können nicht wirklich isoliert werden, die Fenster lägen dann tiefer – dann würde das Konzept Hans Scharouns verloren gehen, das Gebäude würde ganz anders wirken. Die Fenster mussten allerdings ausgetauscht werden. Heute ist die Technologie in Bezug auf Holzfenster so weit fortgeschritten, dass nichts gegen den Einbau von Holzfenstern sprechen würde. Das ist allerdings Zukunftsmusik, aktuell besteht kein direkter Bedarf mehr für Veränderungen.

GHL: Wenn in einigen Jahren oder Jahrzehnten die heutigen Fenster aus technischer Sicht nicht mehr ausreichend sind, wird ein anderes Material verwendet.
JG: Ja, und das wird ein weiterer Schritt in Richtung der Wiederherstellung des Originalzustands sein. Genauso gehen wir auch mit dem Putz im Inneren des Gebäudes um. Aber lassen Sie mich noch einmal auf die Unzulänglichkeiten des Objekts zu sprechen kommen. Wir haben zum Beispiel mit Mängeln zu kämpfen, die auf die kurze Bauzeit des Gebäudes zurückzuführen sind. Die Nischen für die Schränke sind unterschiedlich groß, in jedem Zimmer messen wir andere Maße. Es wurde damals sehr schnell gebaut und es war nicht wichtig, dass alle Nischen gleich groß sind. Für uns ist das allerdings ein Problem, da wir keine standardisierten Möbel einsetzen können, sondern für jedes Zimmer maßgefertigte Einbaumöbel beschaffen müssen.
Am meisten bedauern wir, dass wir das Gebäude nicht an die Bedürfnisse von Gästen mit Behinderung anpassen können. Selbst wenn eine gehbehinderte Person das Gebäude nur besichtigen wollte, gäbe es ein großes Problem wegen des fehlenden Aufzugs und der sehr schmalen Stufen in den Zimmern. Mit einem Rollstuhl kommt man dort nicht durch. Als Rollstuhlfahrer gelangt man nur in den Speisesaal und in das Foyer. Es besteht keine Möglichkeit, eine gehbehinderte Person vom Erdgeschoss in den ersten Stock zu transportieren, da die gewundene Treppe vom Foyer aus die Installierung behindertengerechter Lösungen ausschließt und kein Platz für einen Aufzugsschacht vorhanden ist. Das ist der größte Nachteil des Gebäudes. Aber insgesamt haben wir als Nutzer den Eindruck, als sei das Gebäude eigens für uns und unsere Bedürfnisse gebaut worden.

GHL: Wie kommen Sie mit dem Besucherverkehr zurecht? Sie haben bereits gesagt, dass die Zahl der Touristen stetig zunimmt. Es könnte irgendwann einmal so weit kommen, dass die Besichtigungen den normalen Tagesbetrieb des Hotels beeinträchtigen.
JG: Im Moment ist das kein Problem. Wir haben nicht so viele Gruppen, dass unsere normale Arbeit darunter leiden würde. Meistens kontaktieren uns organisierte Gruppen bereits recht früh, wir machen einen Termin für die Besichtigung aus und wenn möglich zeigen wir auch das Zimmer 48 und die Flure. Das Foyer, das Restaurant und die Außenanlagen des Hotels sind jederzeit zugänglich.

GHL: Der Hotelflur hinterlässt großen Eindruck bei den Besuchern. Sehr interessant sind auch die beiden Fensterreihen auf untypischer Höhe.
JG: Mit der Renovierung der Flure sind wir bereits fertig. Sie machen einen fantastischen Eindruck – als befänden sich auf der ganzen Länge Kabinen, wie auf einem Schiff.
Bedenkt man, dass unsere Gäste meistens länger im Hotel wohnen, kann ich sagen, dass das Gebäude ideal auf die Bedürfnisse der Schulungsteilnehmer der Staatlichen Gewerbeaufsicht ausgerichtet ist. Einerseits garantieren wir unseren Gästen also ein Minimum an Komfort während ihres langen Aufenthalts, andererseits weichen wir nicht zu sehr von der Vision Scharouns bezüglich der Funktion und der interessanten Farbgebung ab. Man kann sogar sagen, dass die Bedingungen hier besser sind als in einem typischen Hotel, denn die Gäste können abends in den Zimmern Kaffee kochen oder kleine Gerichte zubereiten… Üblicherweise muss man hierfür ins Hotelrestaurant oder in die Bar gehen. Wir dagegen unterhalten hier im Gebäude keine hoteltypische Gastronomie.

GHL: Dabei wäre es für Ausflügler und Touristen eine nicht zu unterschätzende Attraktion, hier in einem Café bewirtet werden zu können, oder?
JG: Nachmittags ist hier ein kleines Café geöffnet, das von einem externen Pächter geführt wird.

GHL: Sie haben die Terrasse erst kürzlich restauriert.
JG: Ja. Wir haben eine Markise installiert, so dass man im Sommer zum Kaffeetrinken im Schatten draußen sitzen kann. Das war zwar nicht Teil des Konzepts von Hans Scharoun, aber die Markise passt sehr gut hierher und macht den Aufenthalt für unsere Hotelgäste attraktiver. Wir haben auch die Grünflächen entsprechend hergerichtet: die gepflanzten Blumen und Sträucher präsentieren sich von Jahr zu Jahr schöner und ich bin davon überzeugt, dass der Bereich in einigen Jahren wirklich prächtig aussehen wird. Schon jetzt kommt es vor, dass Familien mit Kindern eine Pause während eines Spaziergangs auf unseren Bänken einlegen, ihre belegte Brote essen und dabei den Blick auf unser Gelände genießen. Das Objekt ist nur in der Nacht abgeschlossen, tagsüber kann man auf dem Gelände spazieren gehen und das Gebäude von außen besichtigen. Aus Sicherheitsgründen erlauben wir es allerdings nicht, dass einzelne Personen durch das Hotelgebäude spazieren.

GHL: Ich habe gesehen, wie das Hotelzimmer nach dem Besuch einer Gruppe von zwanzig Studenten aussah – und war ein bisschen schockiert.
JG: Eben. Damit muss man rechnen. Wir können keine zusätzlichen Mitarbeiter beschäftigen, das würde Kosten verursachen, die wir nicht rechtfertigen können. Wir verkaufen schließlich keine Eintrittskarten wie im Museum. Wir versuchen, das Objekt im Rahmen unserer Möglichkeiten für Besucher zu öffnen.

GHL: Vor kurzem haben Sie eine Ausstellung über die Weissenhofsiedlung gezeigt?
JG: Ja, wir hatten die Ausstellung hier allerdings nur zu Gast, wir waren nicht die Organisatoren. Aber wir haben uns sehr gefreut, dass die Stadt sich dieses Bereichs angenommen hat, dass ein Sanierungsplan aufgestellt wurde – ein großartiges Projekt, das ich bereits ein paar Mal gesehen habe. Ich bin sehr beeindruckt, was für ein wunderbares Stadtviertel hier entstehen kann, wenn es mit der Realisierung klappt. Wir möchten natürlich nicht hinter den anderen zurückstehen, wir sind ein Teil der WuWA-Ausstellung, nein, wir sind sogar eines der führenden Objekte. Wir möchten ein Teil des Projekts sein und unser Gebäude präsentieren. Dabei ist uns daran gelegen, alles eigenständig zu machen, was wir können – soweit es unsere finanziellen Mittel erlauben.

GHL: Ist das Objekt an sich gewinnbringend?
JG: Wir sind kein privatwirtschaftliches Unternehmen. Wir erfüllen die gesetzlichen Aufgaben der Staatlichen Arbeitsaufsicht und erhalten zu diesem Zweck Mittel aus dem Staatsbudget. Neben Schulungen führen wir auch Öffentlichkeitsarbeit durch, z.B. um Sozialpartner weiterzubilden – allerdings unentgeltlich.
Bis Ende 2011 funktionierten wir als staatliche wirtschaftliche Einheit und deckten unsere Kosten durch erbrachte Dienstleistungen. Die Staatliche Gewerbeaufsichtsbehörde „bezahlte“ uns sozusagen für die Schulungen. Jetzt wurde unser organisatorisch-rechtlicher Status geändert, jetzt realisieren wir ausschließlich Aufgaben, die uns der Staat zugewiesen hat. Damit haben wir weniger Möglichkeiten, Personen von außerhalb bei uns einzuquartieren. Wären wir ein typisches kommerzielles Hotel, wären wir zu 100% ausgelastet…

GHL: Eben, Sie hätten den Bonus der hervorragenden Lage, der wunderschönen Architektur, und Sie könnten ein außergewöhnliches Wohnerlebnis anbieten – eine Übernachtung an einem architekturgeschichtlich wichtigen Ort…
JG: Das ist in gewisser Weise schade, aber andererseits müssen wir unsere Aufgaben erfüllen, denn daran werden wir gemessen.

GHL: Mir scheint, als wäre das für das Gebäude an sich sogar gut. Sie gehen anders mit dem Objekt um als ein kommerzieller Eigentümer – mit größerem Respekt.
JG: Das ist der Effekt des guten Willens einer ganzen Reihe von verantwortlichen Personen: vom Direktor unseres Zentrums über den Gewerbeaufsichtsinspektor, die Leiterin des städtischen Amts für Denkmalschutz bis hin zu Frau Dr. Jadwiga Urbanik – es hat sich eine Gruppe von Leuten zusammengefunden, die ein gemeinsames Ziel verfolgen. Wir möchten das Gebäude in einen vernünftigen Zustand versetzen. Mit gutem Willen lassen sich alle Probleme lösen. Wir kennen die Einschränkungen, die mit der Restaurierung eines historischen Objekts verbunden sind, denn wir sind in ständigem Kontakt mit den Denkmalschutzbehörden. Andererseits weiß auch die Behörde über die heutige Funktion des Objekts Bescheid und berücksichtigt unsere Bedürfnisse. Wir haben einen Konsens gefunden – dem Gebäude zuliebe.

GHL: Jetzt haben sie aber ein wunderschönes Bild der Zusammenarbeit aller Beteiligten gezeichnet…
JG: Aber so ist es. Es gibt keine Konflikte und Missverständnisse. Wenn Probleme auftauchen, setzen wir uns zusammen und finden eine Lösung. Das tägliche Leben zeigt, dass die Konzeption Scharouns der aktuellen Funktion des Gebäudes und unseren Erwartungen wunderbar gerecht wird. Ich denke, das ist für ein historisches Gebäude der Idealfall.